I Texte & Zitate

Autor: Uwe Japp

Dialog mit Steinen

„Wenn der Dialog mit dem Stein beendet ist, dann ist in dem Stein etwas von Peter Knapp und in Peter Knapp etwas von dem Stein“  

Peter Knapp

I

Die Arbeiten Peter Knapps zeichnen sich aus durch das Thema unablässig gleitender Rundungen, die sich vertikal auftürmen und horizontal ineinander verschieben. Es ist ein spannungsreiches Widerstreiten von Gerade und Kreis, das sich nie beruhigt, wohl aber seine ausgewogene Begrenzung in der Form des Blocks findet, die in der frühen Phase 1966/67/68 noch nicht verlassen ist.

Aber bereits hier wird deutlich, wie in den Plastiken ein Bestreben am Werk ist, das jede vorgegebene Einheit in Frage stellt. Die Furchen und Schnitte vertiefen sich, sie verändern unablässig die Perspektive, um neben eine breite, gebogene Wölbung den schmalen Rücken einer Scheibe eng an sich zu drücken, während zwei geballte Rundungen zwischen sich eine sanfte Öffnung entstehen lassen („Doppelfigur – 67“). So kann der isolierende  Blick auf einzelnen Teilen ruhen, denn das Knappsche Werk besteht ja aus Teilen, und doch kann er dort nicht bleiben, sondern geht wieder in die Diversität des Ganzen ein. Die Begrenzung der Plastik ist von einer äußeren Grenze in eine innere Dynamik einbezogen. Von hier aus entfaltet sich eine dialektische Schönheit, deren konfliktreicher Inhalt die Verwandlung des Steins (und des „Steinernen“) in Sinnlichkeit ist.

II

Die Arbeiten der Jahre 1969-1971 zeigen diese deutlicher. Die Form befreit sich weitgehend von ihrer Bestimmung durch die vorgefundene Gestalt des Blocks. Die Teile werden selbstständiger, indem der Schnitt sich nicht nur tief in den Stein gräbt, sondern ihn ganz durchtrennt. Gäbe es nicht die Schwere, die die einzelnen aufeinander drückt, so könnte man mit dem Blick oder gar mit der Hand zwischen ihnen durchfahren. Die durchschnittenen und montierten Steine radikalisieren das Phänomen der Bewegung. Was aber macht die Zugehörigkeit dieser sich öffnenden Bewegungen zueinander aus?  Peter Knapp nannte dies den „Durchdringungswert“ der Plastik. Dieser Durchdringungswert zielt auf jene innere Dynamik, deren Bedeutung zu sein scheint, die Plastik von ihrer Umgrenzung  weg in einen inneren Diskurs zu verwickeln.

Es gibt eine Plastik Knapps, die aus zwei Teilen besteht (Marmor V/69). Diese stehen sich gegenüber und sind doch nicht auseinander. Zwischen ihnen ist ein räumliches Vakuum; Raum, der nicht aus Stein ist und doch zu der Plastik gehört. So kann es nach einer Beobachtung Knapps vorkommen, dass eine Plastik dort „größer“ wird, wo etwas weg geschlagen wurde. Dort, wo der Stein nicht mehr ist, kann eine starke Bedeutung der Plastik entstehen. Dieser gleichsam intellektuelle Überschuss über das bildlich sichtbare verdankt sich der Wirkung des Durchdringungswertes. Die Arbeiten dieser Zeit gehören zur experimentellen Phase in Peter Knapps Werk. Es ist vor allem das häufig verwandte Prinzip der Montage, das seine Plastiken hier in eine enge Beziehung zur avantgardistischen Kunst der Moderne treten lässt. Aber auch mit anderen Materialien hat Knapp in dieser Zeit experimentiert: Mit Holz und Fellen. Sein hauptsächliches Material bleibt allerdings auch in dieser Zeit der Stein, der Marmor. Gerade aus diesem Dialog zwischen dem klassischen Marmor und der avantgardistischen Form ergeben sich die eindrücklichsten und typischsten Wirkungen der Knappschen Plastiken (etwa Marmor II-70 und Kom. I-70).

III

Aber das Werk ist weiterhin unterwegs. Ab 1972 tritt nämlich ein Element hervor, das zwar auch in den beiden vorhergehenden Phasen unübersehbar eine Rolle spielte, das aber noch nicht zum beherrschenden Moment geworden ist. Ich meine (wenn solche konkreten Bezeichnungen hier überhaupt ihren Platz haben können) die Erotik. Der Grundkonflikt des Knappschen Werkes: „Der Konflikt zwischen Kurve und gerade Linie (Knapp) wird jetzt eindeutig zugunsten der Kurve entschieden. Das konfliktreiche Eingreifen der geraden Linie in das verführerische Fließen der Rundungen tritt zurück, während sich die abstraktre Struktur der Kurve als körperliche Signatur des Sinnlichen schlechthin behauptet (z.B. „Nr.130“ V-73).

Knapp hatte früher einmal gesagt – und damit programmatische Emanzipation der modernen Kunst vom Vorbild der Natur auf seine Weise bestätigt - : „Der Künstler schafft seine eigene Schönheit, die nur Bezug zu anderen Kunstfiguren hat.“ Das trifft sicherlich zu, soweit der erste Teil des Satzes zur Diskussion steht. Darüber hinaus aber gilt, dass auch die Figuren der Kunst (auch der abstrakten) in ein weites Netz von Beziehungen verstrickt sind. So sah Knapp das eine Element seiner praktischen Ästhetik, den Kreis aus zwei Perspektiven: einmal als abstrakte Erfindung des Geistes, zum anderen als sinnliche Wahrnehmung, wie sie uns in allen Formen der Rundung, etwa denen des weiblichen Körpers begegnet.  In diesem Sinne haben die Plastiken dieser Zeit eine augenscheinlich sinnliche Qualität, die immer wieder ins Erotische hineinspielt – zur Freude des Betrachters, wie ich denke.

IV

In den letzten Jahren – etwa 1975 – ist abermals eine Wendung zu bemerken, kündigt sich abermals etwas Neues in Peter Knapps Werk an. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass hier ja nur schematische Konturen einer ständigen Entwicklung beschrieben werden. Tatsächlich bedeutet jede dieser zahlreichen Plastiken etwas Neues, und dennoch gehören alle deutlich erkennbar zu einem Werk. Die Entwicklung ist Weiterentwicklung. Peter Knapps Steine streben jetzt in die Höhe. Das kompakte Spiel der Rundungen und Flächen wird leichter; es verdichtet sich zu schlanken, aufsteigenden Formen. Die ehemals prallen und drängenden Rundungen werden häufig in lange, gleitende Bögen aufgelöst. An die Seite des Durchdringungswertes, des avantgardistischen Experiments und der erotischen Sinnlichkeit tritt nun ein gleichsam ätherisches Prinzip, das es sich zur Aufgabe gemacht zu haben scheint, die Schwere des Steins im Stein zu überwinden.

Wie sich nun von hier aus das Werk Peter Knapps weiterentwickelt hätte, können wir nicht sagen. Sein Dialog mit dem Stein ist beendigt, während der unsere erst beginnt. Aber möglicherweise gehören die vielen Plastiken, die er nicht mehr hat machen können, mit zu seinem Werk; so wie die Plastik dort „größer“ werden kann, wo etwas vom Stein weg geschlagen wurde.  

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