I Texte & Zitate

Autor: Dr. Friedhelm Häring

Erwachsen

Dem Frankfurter Galeristen Dr. Horst Appel verdanke ich die erste Begegnung mit Werken von Peter Knapp. Obwohl sich mein Umgang mit Plastik und Skulptur im Laufe der Jahre erweiterte und die persönliche Begegnung mit Hans Steinbrenner, Michael Croissant oder Eberhard Fiebig und vielen anderen mit Werk und Mensch als spannungsvolle Einheit vor Augen führte, blieb gerade das Peter Knapps, den ich nicht persönlich kennen lernte, von seiner sprachlichen Nähe, als wäre mir an diesem Mann und seiner Arbeit etwas vertraut, wie es zwischen Bekannten ist. Man bemüht sich nicht einmal, dieses Vertrautsein zu begründen. Es ist da – man fragt nicht warum.

Nun  ist gerade das ja schon eine besondere Qualität, dass ein Skulptur so angefüllt ist von Sprache, Gedanklichkeit, der Sinnlichkeit und dem Eifer des Autors, dass seine Präsenz spürbar ist und über den Tod hinaus lebt.

Studiert hat Knapp bei Otto Baum und Rudolf Hoflehner (1960-1965). Ob er sich da seine kunsthistorische Position angeeignet hat, die deutlich bestimmbar ist, weiß ich nicht.

Mir scheint, dass Knapp auf die schöpferische Trias Konrad Fiedler (1841-1895), Hans von Marées (1837-1887 und den Bildhauer Adolf von Hildebrand (1847-1921) zurückgeht und auf deren künstlerische Theorie, eine Raumzone der Formsprache so zu öffnen, dass darin Volumen sich artikulieren kann und das skulpturale Ereignis darin lebt – im autonomen Charakter des Kunstwerks.

Diese eher karge Theorie und ihre Prinzipien füllt Peter Knapp mit Sinnlichkeit, und doch erwachsen auch ihm daraus die klassisch beruhigten Formen seiner späteren Werke.

Tatsächlich  bleibt zunächst in allen Arbeiten das Gesetz des Blockes gewahrt. Innerhalb seiner Begrenzung werden, in horizontaler oder vertikaler Lagerung und Durchdringung, die Scheiben (zwischen 1966 und 1970) freigelegt, die nun aus ihrer haptischen Wirklichkeit ein optisches Ineinander aus der energetischen Kraft des Kerns der Skulptur wachrufen. So entsteht die Wirkung der Volumen über die zerschlagene Begrenzung des Blocks hinaus in den Raum des Betrachters, wie von einem Kraftbündel.

Auf dem Weg zu immer feinerer Haut, stelenhaftem Aufbau – scharfkantigem Grat gegen weiche Form – zwingt der Reiz, an diesen Körpern Anteil zu haben, zur Lust am Begreifen.

Lenkten die Scheiben anfangs durch ihre ineinandergreifende Dynamik und Rhythmik – Kraftwerk – um die Figur herum, so verpflichten die späteren Arbeiten der 70er Jahre zu Abfolge und stillerer Haltung auch den Betrachter. Man folgt dem Schmeicheln ihrer linearen Energien und ruht an den Zentren der Teilungen, steigt mit empor zum Haupt und wird Figur.

Dieses Aufrechte – dann auch in uns – ist aber nicht Säule oder Menschenfigur. Es ist erwachsen. So wuchsen aus Kühnheit und Zerrissenheit, Traum und Trieb, der Mensch und der Stein.

Gießen, 1988

Dr. Friedhelm Häring 

Zurück zur Übersicht