I Texte & Zitate

Autor: Christa von Helmholt

Griechenland – ohne Götter und Helden

Peter Knapp ist kein Frühvollendeter wie Mozart, wie Raffael, Watteau, die wie er nicht einmal vierzig Jahre alt geworden sind. Dennoch hat er wie sie ein völlig eigenständiges, abgeschlossenes Oevre hinterlassen; ein Werk, das er in den kurzen Jahren seines Schaffens zur schlackenlosen sichtbaren Idee zu steigern vermochte, zu einer Hymne auf die Schönheit als das edelste vergeistigte Phänomen im Erlebnisbereich des Sinnlichen. Auf einen solchen ästhetischen Kanon hatte er hingestrebt, seit er in Griechenland gewesen war. Er suchte die über alle Zeiten hinweg gültige, alles Zufällige objektivierende Form, um Adel und Schönheit des Leiblichen dem Gesetze der Vergänglichkeit zu entreißen. Ähnlich Cézanne, der Kunst als „Harmonie parallel zur Natur“ verstand, war für Peter Knapp Natur „im Kunstwerk nur als parallel Bestehendes denbar“.

„Modell ist die Figur, nicht der Akt. Der Künstler schafft seine eigene Schönheit, die nur Bezug hat zu anderen Kunstfiguren. Der Betrachter kann die Kunstfiguren nur erleben, wenn er sich in den Disziplinbereich der Kunst begibt. Die Grundlage meiner Arbeit bildet der Kreis als geistig-sinnliches und körperliches Element. Sinnlichkeit, verstanden als Schönheit, besteht selbst da noch, wo die Objektivierung auf einem Höhepunkt angelangt ist.“ Dass Marmor, der lichtsammelnde und verströmende Stein aus Naxos oder Carrara des Künstlers Medium wurde, entsprach mit zwingender Logik Peter Knapps ästhetischem Programm. Er hatte auch in Muschelkalk und anderen Steinen gearbeitet, doch so bald er sich den kostbaren Marmor leisten konnte, wurde er „sein“ Stein. Materielle Entbehrungen hatte er seinetwegen auf sich genommen und –schlimmer noch – versteckten oder offenen Spott der Kenner. Denn: wer arbeitete denn noch mit so edlem Werkstoff in einer Zeit, da herbe Kritik des Künstlers Losung war und dieser Kritik auch herbes Material entsprechen sollte. Peter Knapp wusste der genau um diese Gesamtsituation, und sein Kampf für die Schönheit, wie er sie verstand, war nicht Trotz, sondern Traurigkeit und ein männliches Ringen, um Maß und Form aus dem Stein, dem äonenalten Wesen der Natur herauszuschlagen. Mit jedem Schlag fühlte er sich enger dem Stein verbunden. In einer Werkstatt im alten Atelierhaus an der Sachsenhäuser Warte, wo der Maler und Graphiker Fritz Boehle als Bildhauer seinem Traum von Karl dem Großen als monumentales Reiterstandbild zu verwirklichen suchte – und heroisch scheiterte – , hat Knapp den seinen erfüllt.  Still und beharrlich und oft auch leidend an den Enttäuschungen, die ihm seine technikhörigre Umwelt ganz unbewusst zufügte, erschuf er sich seine zeitgenössische Parallele zu dem marmorweißen Kosmos der Antike.

Als habe er geahnt, dass ihm nur ein Jahrzehnt zur Realisierung seiner Vision gegeben sein würde, bevölkerte er mit Skulptur, mit Ruhenden und Stehenden das alte Atelierhaus am Sachsenhäuser Berg – ein Griechenland ohne Götter und Helden, doch beseelt überliefert in der leiblichen Schönheit der abstrakten Marmorfigur.

Frankfurt, 14.08.1988 Christa von Helmholt

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